Auftaktveranstaltung zum "Living in the Future Award 2014

 

Wir steuern auf die digital vernetzte Welt zu. Perspektivisch wird jedes Teil auf der Welt seine IP-Adresse haben. Künftige Gebäude werden zunehmend smart. Komplizierte Steuerungselemente weichen intuitiv zu bedienenden Interfaces oder Apps. Fensterscheiben werden in Zukunft gleichzeitig als Bildschirme nutzbar sein und damit nicht nur Einblicke in die unmittelbare Umgebung, sondern gleichzeitig den Blick in die digitale Welt ermöglichen. Dieses Bild der Zukunft zeichnet Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und des Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement IAT der Universität Stuttgart im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum Living in the Future Award 2014 am 19. März in Lüdenscheid. Prof. Bauer ging im Rahmen seines Vortrags auf Trends und ihre Auswirkungen auf die Arbeits- und Lebenswelt der Zukunft ein.

 

"NOW" und "WOW" sind nach Aussage von Prof. Bauer Schlüsselbegriffe für die Zukunft. Dabei steht "NOW" für die Tendenz, dass junge Menschen zunehmend ungeduldig sind und alles sofort haben wollen. Idealerweise lassen sich Produkte selbst über 3-D-Drucker erstellen, Software muss sofort als Download bereitstehen, Informationen müssen möglichst in Echtzeit verfügbar sein. "WOW" deutet darauf hin, dass alles, was wir machen, Spaß machen und Emotionen auslösen soll. Lebensräume müssen smart sein und die Nutzer begeistern.

 

Arbeitswelt und Lebensstile

Nach Einschätzung von Prof. Bauer wandeln sich die Arbeitsstrukturen hin zu orts- und zeitungebundenen flexiblen und interaktiven Formen der Arbeit. Projekte werden in virtuellen Arbeitsgruppen aus aller Welt bearbeitet. Wenn es um "Wissensarbeit" geht, kommen nicht mehr die Menschen zur Arbeit, sondern die Arbeit kommt zu den Menschen. Gelebte "Work-Life-Balance" wird zu einem Status-Symbol. Arbeits- und Wohnwelten der Zukunft wachsen zusammen und sind multifunktional und multimedial. Immer mehr Menschen leben und arbeiten künftig in urbanen Ballungsräumen. Hier kommen besondere Herausforderungen auf Infrastruktur und Logistik zu.

 

Im Zuge des demografischen Wandels werden Unternehmen verstärkt in die mentale und körperliche Fitness ihrer Mitarbeiter investieren. Außerdem setzen sich flexiblere Übergänge vom Erwerbsleben in den Ruhestand durch. Senioren bleiben auch über das offizielle Renteneintrittsalter hinaus in Wissensarbeitsprozesse der Unternehmen eingebunden. Generationenübergreifend wird ein selbstbestimmtes Leben und ein mobiler Lebensstil angestrebt.

 

Der Trend zur Individualisierung führt zu einer immer breiteren Produktdifferenzierung. Die Kunden möchten möglichst individuelle Produkte. Im Zuge von Industrie 4.0 ermöglichen moderne Produktionstechnologien auch kleine Stückzahlen oder Einzelanfertigungen im laufenden Produktionsprozess herzustellen. Gleichzeitig nimmt aber auch die Bereitschaft zu, bestimmte Güter, wie z.B. Fahrzeuge gemeinsam zu nutzen (Share Economy). Man zahlt dann z.B. nur noch für die Nutzung von Mobilität und nicht mehr für den Erwerb eines Fahrzeugs.

 

"Morgenstadt" zeigt Wege in die Zukunft

Prof. Bauer ist Leiter des Fraunhofer-Initiative "Morgenstadt". Beim Projekt "Morgenstadt" handelt es sich um ein Verbundforschungsprojekt, in dem zehn Fraunhofer-Institute gemeinsam mit Industriepartnern der Frage nachgehen: Wie wollen wir in der Stadt von morgen leben und arbeiten? Informationen hierzu finden Sie unter www.morgenstadt.de und www.arbeitswelten 4.0.de.

 

Zukunft erkennen

Der spannenden Frage "Woran erkennt man die Zukunft?" ging Uwe Dietrich, Leiter Technologie und Innovation, Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG, im Rahmen seines Vortrags nach. Dietrich hatte dazu einen Blick auf die Trendforschung im Jahr 1995 geworfen und festgestellt, dass die damals vorhergesagten technologischen Trends in deutlich stärkerem Maße eingetreten sind als zum Beispiel Branchen- oder Konsumententrends. Eine besondere Herausforderung stelle es dar, die Geschwindigkeit von Technologieänderungen richtig einzuschätzen. Entwicklungen verlaufen meist nicht linear, sondern exponentiell. Insbesondere Technologiesprünge und Technologiewechsel lassen sich kaum vorhersagen. Aber ein gutes Verständnis der physikalischen Grenzen sei eine wichtige Voraussetzung für den Blick in die Zukunft.

 

Bei der Einschätzung künftiger Entwicklungen sei die Käuferakzeptanz ein wesentlicher Bestimmungsfaktor. Bestimmte menschliche Gewohnheiten und Verhaltensweisen stehen über dem technischen Fortschritt ("Höhlenmenschprinzip"). Zum Beispiel scheitert die Vision vom papierlosen Büro vielfach daran, dass Menschen es gewohnt sind, Dokumente in den Händen zu halten und abzulegen.

 

Als wichtigen Indikator für künftige Entwicklungen nennt Dietrich gesetzliche Rahmen­bedingungen, die sich z.B. schon früh auf EU-Ebene abzeichnen und dann technische Innovationen erfordern. Als Beispiel wird die Senkung des Grenzwertes für Blei im Trinkwasser angeführt, die den Einsatz neuer Materialien in der Armaturenindustrie erfordert.